Interview mit
Bodo Marschall
 

Interview mit Bodo Marschall

Erfolgsautor und Förster Bodo Marschall im Entdeckungskisten-Interview ganz privat und exklusiv über seine Kinder, seine Geschichten und seine Ideen. "In den Wäldern", so sagt er mit Franz Kafka, "sind Dinge, über die nachzudenken man jahrelang im Moos liegen könnte."


Entdeckungskiste (im Anschluss Ek): Herr Marschall, im Juni ist Ihr neues Buch erschienen. Es heißt "Neues aus Förster Bodos Märchenwelt Band II". Genau das gleiche Konzept, nur neu aufgelegt?

Bodo Marschall (im Anschluss BM): Nicht ganz genau. Es ist meine Handschrift, dass ich versuche, biologische und gesellschaftliche Ansprüche zu vermitteln. Ahnliches macht ja auch der Professor, der Wissen vermittelt. Nur verpacke ich das Ganze nicht als wissenschaftliche Abhandlung, sondern ich baue es auf der emotionalen Schiene auf.


"Bloß nicht rein kopfgesteuert lernen!"


Ek: Inwiefern emotional?

BM: Um stressfrei zu lernen, muss ein Lernansatz vernetzt sein, d. h.: Bloß nicht rein kopfgesteuert lernen!Drei Ebenen sollen angesprochen werden: Herz, Hand und Verstand, wie Pestalozzi es einmal postuliert hat. Kinder müssen draußen und direkt vor Ort die Dinge "be-greifen" können, etwas anfassen, erleben. Das wäre sozusagen die Hand-Ebene. Für die emotionale, die Herz- Ebene habe ich Helden entwickelt, mit denen sich das Kind identifizieren kann. Durch die Geschichten stelle ich eine emotionale, persönliche Beziehung her, erwecke Neugier und kann dann – weil die Kinder jetzt ja neugierig sind (und die Erwachsenen hoffentlich auch) – die tatsächlichen Informationen auf der Verstandesebene an die Frau oder den Mann bringen. Und jetzt hören die Kinder auch tatsächlich zu, weil sie ja einen persönlichen Bezug dazu haben.

Ek: Ein Beispiel?

BM: Typisch ist z. B. die Figur von Hannibal, der stärksten Ameise der Welt. Das ist eine knuffige Figur, die eigentlich sehr menschliche Regungen hat, in die man sich hineinversetzen kann. Dadurch identifiziert man sich mit ihr und wird neugierig. Wenn Hannibal in der Gerücheküche der Ameisen ihren Personalausweis, ihren Geruch abholt, ist das dann die Hinführung zu den Lerninhalten, nämlich dass Ameisen sich anhand von Gerüchen verständigen.
Übrigens bin ich der Meinung, dass auch Erwachsene bei Kinderliteratur ein Recht auf Unterhaltung haben. Wenn ein Erwachsener das Kind begleitet, soll er nach der Lektüre meiner Geschichten sagen können: Das war auch für mich schön und interessant!"


EK: Und was ist nun neu am Buch?

BM:Diese Kombination zwischen Märchen und Wissensvermittlung habe ich weiterentwickelt. Was im ersten Buch noch sehr sachlich und informativ rüberkommt, habe ich hier weicher und interessanter – übrigens auch umfangreicher und vielschichtiger gestaltet.
In fast allen meinen Geschichten gibt es nämlich zwei Ebenen: Die eine Ebene vermittelt im Erzählgeschehen das Waldwissen. Die zweite Ebene liegt darunter und wirkt eher unbewusst: Hier will ich Werte wie Freundschaft, Toleranz und Geltenlassen entwickeln. In der Geschichte Bäumeschubsen geht es z. B. nicht nur um Wald- bzw. Forstschäden und damit um die Vermittlung von biologischer Kompetenz, sondern in der Ebene darunter geht es um die Toleranz gegenüber Andersaussehenden, um soziale Kompetenz, wenn z. B. die Fichten sich über die einzelne Buche Berta lustig machen.

"Meine Töchter haben jeden Abend eine Gutenachtgeschichte verlangt. Das war so wirkungsvoll, dass sie sofort eingeschlafen sind!"


Ek: Woher haben Sie eigentlich die Ideen für Ihre Wald-Märchen oder Abenteuer-Geschichten? Aus Ihrer Arbeit als Förster?

BM: Also, ich bin seit 1975 Förster und seit 1980 leidenschaftlicher Vater von drei Töchtern. Schon im frühsten Alter haben sie jeden Abend ihre Gutenachtgeschichte abverlangt. Das war ein richtiges Ritual!. Als Förster erlebt man nun mal relativ viel ... Eigentlich erlebt man jeden Tag Geschichten und Storys. Bei meinen Töchtern war das so wirkungsvoll, dass sie sofort eingeschlafen sind. Im Kindergarten hieß es dann schnell: Leas, Maries und Ninas Vater ist Förster und kann tolle Geschichten erzählen. Die Kindergruppe hat dann immer um mich herumgesessen und zugehört. Morgens haben die Kinder im Kindergarten schon auf mich gewartet.
Das ging über Jahre so. Später in der Schule habe ich dann oft die Wandertage mitgestaltet. Eigentlich habe ich die gesamte Entwicklung meiner Kinder mit Geschichten begleitet. Sie und natürlich auch die ErzieherInnen und LehrerInnen haben mir gezeigt, was interessant ist und wie ich es aufbereiten muss.. Dadurch dass ich jahrelang Pantomimeunterricht genommen habe, konnte ich meine Geschichten dann natürlich auf eine sehr persönliche Art erzählen, sodass auch die ungesprochene Sprache, die Körpersprache, zu einem tragenden Element wurde.

Ek: Apropos Wandertag: Mit der Wald-Aktionsbox haben Sie sogar ein eigenes Waldprojektbuch für ErzieherInnen veröffentlicht. Die dort vorgestellten Wald-Ideen sind für ErzieherInnen, die ja bekanntermaßen wenig Zeit zur Vorbereitung haben, relativ aufwändig oder anspruchsvoll. Oder sehen wir das falsch?

BM: Mein Ansatz war, ein möglichst einfaches Konzept zu entwickeln, das mit möglichst wenig Aufwand zu realisieren ist, aber viele Handlungsanweisungen und Möglichkeiten anbietet. Man braucht sich eigentlich nur die ersten vier Seiten durchzulesen, dann hat man das Prinzip verstanden. Alles andere sind eigentlich reine Vorschläge und Ergänzungen. Man kann das Ganze mit einem Kochrezept vergleichen: Idee, Zutaten sind da. Aber man kreiert etwas ganz Eigenes daraus. Ich biete eine Grundidee und die Zutaten. Wenn man sie zusammenführt, kriegt man ein ganz leckeres Gericht heraus, in diesem Fall eine ganz persönlicheWaldführung.

Mein Appell: das Buch nicht als etwas Erschlagendes betrachten, sondern sich Zeit nehmen in Ruhe die ersten vier Seiten durchzulesen und dann einfach machen: Learning by doing. Einfach machen, sich trauen. Die Kinder waren bis jetzt noch immer begeistert.

EK: Neben den Waldtagen für Kinder schulen Sie auch Erwachsene in speziellen Seminaren. Was möchten Sie hier in erster Linie vermitteln?

BM: Ich will zunächst mal Handwerks- und Rüstzeug vermitteln, um überhaupt mit Kindern im Wald etwas zu unternehmen: Ich will die ErzieherInnen und LehrerInnen waldsicher machen, die Angst nehmen vor dieser Waldwelt. Eine Art Wegweiser in die Hand geben.
Ich verfolge allerdings noch ein ganz anderes Ziel: Weil ich ja sehr viel mit Märchen arbeite, will ich Mut machen bzw. schulen, Märchen einmal anders zu erzählen: seinen Körper als Ausdrucksmittel viel mehr miteinzubeziehen.

Ek: Auch um die Kinder in den Bann zu ziehen?

BM:Ganz genau: Von der Ebene "Radio" – Geschichten nur hören – auch zur Ebene "Fernsehen": – Geschichten auch "sehen" – umzuschalten. Je mehr Sinne integriert werden, umso spannender wird die Geschichte. Wenn ich dann dann z. B. noch einen Schnelllaufkäfer im Wald finde und ihn den Kindern während des Erzählens in die Hand geben kann, kommt noch ein drittes Element dazu: das hautnahe Anfassen. Das ist für mich eine gelungene Waldführung.

Ek: ErzieherInnen müssen heute einen harten Job erfüllen: Wenig Zeit, wenig Lohn, viel Arbeit. Und seit PISA stehen gestiegene Qualitätsansprüche neben Einsparungen im Kindergartenbereich von öffentlicher Hand. Vielen KollegInnen fehlen da die Nerven für Waldpädagogik. Ihre Prognose für die Zukunft: Wird die Waldpädagogik ihren Platz im Anspruchskanon an die Bildungsinhalte im Kindergarten behaupten können? Kurz gefragt: Hat Waldpädagogik Zukunft?

BM: Für mich wär's schlimm und fatal, wenn dieser Bereich in der Versenkung verschwinden würde. Darum auch meine Aktivitäten. Ich will die Waldpädagogik immer wieder mit neuen Impulsen weiterentwickeln , damit sie nicht stehen bleibt. Nach meiner persönlich Überzeugung ist die Naturpädagogik die Methode schlechthin, Kindern ein ganzheitliches und nachhaltiges Wissen zum Thema Natur und Wald zu näher zu bringen. Am Beispiel Wald kann man ihnen viele, viele andere Begriffe vermitteln: Lebensgemeinschaften, Vernetzungen, Nachhaltigkeit – Dinge, die auf alle möglichen Lebensbereiche zutreffen, kann man am Wald einfach gut erklären: Darum ist für mich die Waldpädagogik ein Muss in jeder Pädagogik und im Bildungsauftrag von Lehrpersonal aller Art.

"Wenn ich auf kleinen, lauschigen Plätzchen im Wald erlebe, wie ein Käfer einem anderen begegnet, kann ich mir direkt vorstellen, wie sie sich unterhalten ..."

Ek: Letzte Frage: Ist schon das nächste Bodo-Marschall-Buch geplant?

BM: Wenn man wie ich Geschichten schreibt, hat man den Kopf permanent voll damit. Wenn ich auf kleinen, lauschigen Plätzchen Wald nur einmal erlebe, wie ein Käfer auf dem Boden einem anderen begegnet, kann ich mir direkt vorstellen, wie sie sich unterhalten. Das kann man dann noch bereichern durch Fantasiefiguren wie Willi Wunschwaldwichtel. Damit hat man sofort ein Szenario geschaffen, das sehr fantasiegeladen ist. Was dann noch fehlt, ist die "Idée fixe", ein Leitgedanke, ein Kernmotiv. Diesen Leitgedanken kriege ich oft von den Kindern.

Ek: Was ist denn ein typischer Leitgedanke?

BM: Ich könnte mir vorstellen, dass es die Kinder z. B. interessiert, wie das mit den Glühwürmchen funktioniert. Über Wochen und Monate verfolgt mich dann dieses Thema und – schwupps – irgend wann ist die Geschichte als Grundidee da. Hier könnte ich mir z. B. sehr gut eine kleine Liebesgeschichte für Vorschulkinder vorstellen. Die Idee muss dann reifen und noch den Weg vom Kopf über die Hand zum Papier finden. Dabei kommt allerdings oft noch mal was ganz Anderes raus! Das ist dann richtig spannend und ich wundere mich immer wieder welche Veränderungen solche eine "Idée Fixe" im Laufe ihrer Entwicklung mitmacht. Ich hoffe, dass ich noch viele Geschichten schreiben kann. Die Kinder sind für mich der Impulsgeber: das Stückchen Holz, das den Ofen am Brennen hält.

Ek: Herr Marschall, danke für das Interview!

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